Das Leben bezeugen… in einer sterblichen Welt. Mache dich auf!

Wir sind sterblich und können nichts dagegen tun.
 
Alles ist wunderbar vorbereitet. Schon seit Wochen. Sehnsüchtig wird der neue Erdenbürger auf dieser Welt erwartet. Von Alexandra und Simon, seinen Eltern. Von den Großeltern und den besten Freunden. Das Beistellbett ist aufgebaut, Mini-Windeln liegen längst wohl sortiert im Schrank, die Wärmelampe an der Decke über dem Wickeltisch ist schon seit Wochen montiert. Einen Namen haben die beiden längst gefunden. Schwer war es nicht, sie waren gleich einer Meinung. Lukas soll die Krönung ihres gemeinsamen Lebensglücks werden. Das I-Tüpfelchen ihrer Liebe, ein Familienwunder. Wenn Alexandra zum Ultraschall muss, nimmt Simon sich frei und geht mit. Wenn sie spätabends Heißhunger auf Schokolade verspürt, fährt er zur nächsten Tankstelle und kauft gleich fünf Tafeln auf einmal. Sie machen gemeinsam einen Geburtsvorbereitungskurs für Paare, haben die Kliniktasche schon in Woche 26 gepackt. Als Alexandra eines Abends ins Bett gehen möchte, wundert sie sich. Normalerweise dreht Lukas abends um diese Zeit noch einmal auf, macht einige Turnübungen im Bauch und geht dann schlafen – genau wie seine Mama. An diesem Abend ist es merklich ruhig. Und Alexandra hält es kaum aus. Simon kann ihr nicht helfen, die Verunsicherung ist zu groß. Ist der kleine Bauchbewohner heute einfach früher schlafen gegangen? Was ist, wenn es ihm nicht mehr gut geht? In der Nacht macht Alexandra kein Auge zu und bittet gleich am nächsten Morgen um einen Notfalltermin bei ihrem Frauenarzt. Drei Stunden später hat sie die kaum vorstellbare Gewissheit: Das Herz ihres Wunders, Lukas Herz, schlägt nicht mehr. Einfach so. Das Leben: vorbei in Woche 31. Alexandra kann nichts machen. Und möchte nur noch weinen. Mehrere Wochen lang. Wir sind sterblich und können nichts dagegen tun.

Es ist schwierig in solchen Momenten Trost zu finden. Jeder Versuch, das Erlebte verstehbar zu machen, greift ins Leere. Jeder Tag bringt die traurige Gewissheit, dass sich das Schicksal nicht umkehren lässt. Jedes Wort verhallt, auch wenn es noch so tröstend gemeint ist.
Die Bibel kennt solche Situationen. Erschreckend gut sogar. Menschen, die ihre Erfahrungen teilen: mit den guten und schlechten Seiten des Lebens, mit Freude und Glück, aber auch mit Trauer und Sorge. Menschen wie David, der im 90. Psalm mit Gott ins Gespräch kommt und einstimmt: 
Herr, seit Generationen bist du unser Schutz!  Noch bevor die Berge erschaffen wurden, bevor du die Erde und das Weltall schufst, warst du, Gott, du bist ohne Anfang und ohne Ende.  Du machst die Menschen wieder zu Staub, indem du sprichst: »Werdet zu Staub!«  Denn für dich sind tausend Jahre wie der gestern vergangene Tag, wie wenige Stunden nur. (…) Unser Leben dauert siebzig Jahre, vielleicht sogar achtzig Jahre. Doch selbst noch die besten Jahre sind voller Kummer und Schmerz, wie schnell ziehen die Jahre vorüber und alles ist vorbei. (…) Zeige uns, wie wunderbar du handelst, und lass unsere Kinder deine Herrlichkeit sehen. Der Herr, unser Gott, schaue freundlich auf uns und lasse unsere Arbeit gelingen. Ja, lass unsere Arbeit gelingen!
 
Der Psalmbetende steht mitten im Leben und macht die Erfahrung, dass es nicht so verläuft, wie er es sich gedacht hat. Gott wendet sich von ihm ab, denkt er, und seine Lebensjahre sind voller Kummer und Schmerz. Es wäre allzu verständlich, wenn er sich jetzt auch von Gott abwendet, ihm den Rücken zukehrt, nichts mehr von ihm wissen möchte.  Aber: Genau das Gegenteil ist der Fall. Der Betende hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Gott sich ihm weiterhin zuwendet. Er betet darum, dass Gott sein wunderbares Handeln zeigt, dass er freundlich auf ihn herabschaut und seine Arbeit gelingen lässt. Mich beeindruckt dieses Gottvertrauen, diese Zuversicht und Hoffnung, die in diesem Gebet zum Ausdruck kommt. Und es macht mir Mut, selbst daran zu glauben: Diesem Gott ist mein Leben nicht egal. Dieser Gott hat mich im Blick. Er lässt nicht jeden Schicksalsschlag an mir vorübergehen, er mutet mir sehr viel zu. Manchmal auch zu viel, sodass ich fast daran zerbreche. Während der vergangenen Monate haben viele das am eigenen Leib erfahren müssen: Menschen starben einsam in den Krankenhäusern, weil ihren Angehörigen ein Besuch nicht erlaubt war. Manche Länder werden von gravierenden Todeswellen heimgesucht, die uns alle so unvorbereitet treffen. Menschen, die sich eigentlich bester Gesundheit erfreuen, erkranken plötzlich. Und kommen nur mit Mühe wieder auf die Beine. Wir sind sterblich und können nichts dagegen tun. Und doch setzen die Bibel und die Gebete und Geschichten darin einen Kontrapunkt: Wir sind sterblich und können etwas dagegen tun: Den Glauben an Gott nicht verlieren. Genau wie der Psalmbetende es uns vormacht. Darauf vertrauen, dass Gottes Pläne vor dem Tod nicht Halt machen, weil seine Perspektive eine andere ist. Bei Gott hört es mit dem Sterben nicht auf, er weitet meinen Blick für seine Perspektive Ewigkeit. Für ein Leben nach dem Sterben, ein Leben nach dem Tod. Im Himmel. Dort wo es all den Menschen gut geht, die den Weg schon vorgegangen sind. Nach einem erfüllten Leben und mit 70 oder 80 Jahren. Menschen wie Lukas, deren Leben auf der Erde noch vor ihnen lag. Das ist kein billiger Trost, sondern echte Kraftquelle für den erschöpfenden Alltag bei aller Traurigkeit. Ja, mein Leben ist endlich. Ja, der Tod schmeißt mich aus der Bahn. Und trotzdem kann ich mich auf Gottes Begleitung verlassen. Und mich daran festhalten. Weil er freundlich auf mein Leben schaut und deshalb Schutz und Sicherheit bietet. Der Psalmbeter macht es vor. Von ihm will ich lernen.
Als Lukas an einem sonnigen Herbsttag seinen Ort hier auf dieser Erde findet, ist durch den Friedwald ein Lied zu hören: Somewhere over the rainbow… Irgendwo über dem Regenbogen. Ein Lied, das Hoffnung macht: Auf die Perspektive Ewigkeit, aber auch: Hoffnung, auf Gott vertrauen zu können. Der immer treu an meiner Seite bleibt. Trauer und Traurigkeit mit mir aushält. Mit Alexandra und Simon. Und allen anderen Menschen, die erfahren müssen, wie sterblich unser Leben ist. Der mit dem Regenbogen aber auch ein sichtbares Zeichen schenkt: Ich verlasse euch nicht. An keinem Tag Eures Lebens. Auch wenn Euer Leben sterblich ist.
Heute sind Simon und Alexandra Eltern eines zweijährigen Sohnes. Sie haben ihn Amadeus genannt. Von Gott geliebt.
 
Pfarrer Pascal Würfel
 
 
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